Interview

Interview mit Dr. Sunette Pienaar

der Gründerin von Heartbeat und heutigen Vorstandsvorsitzenden

pienaarAuszug aus »expedition WELT – Vom Abenteuer sich zu engagieren « (http://www.expedition-welt.de/322.0.html)

»Mir wurde bewusst, dass 79 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu öffentlichen Leistungen hatten, zur Gesundheitsversorgung, zu Medikamenten, zu Arbeit. Und dann las ich über Aids, und dass vier Millionen Menschen in unserem Land infiziert sind und dann all diese Kinder, Aids-Waisen, damals waren es 1,3 Millionen.
Ich fragte mich, was unsere Kirche eigentlich zur Lösung des Problems beiträgt. Aber die Kirche war nicht interessiert. Es war für sie ein Problem der Schwarzen. Ich verließ die Kirche und entschied mich, selbst etwas zu tun. Ich musste einfach etwas tun.«

 
»Es war ein schwarzes Problem«

Wie sind Sie aufgewachsen?

»Als ich aufwuchs, lebten wir in einem sehr eigenartigen Land. Einem Land von  Weißen. Ich hatte keine Ahnung, dass es auch Schwarze gab. Ich dachte, nun ja, da gibt es ein paar Menschen in Lehmhütten. Das jedenfalls erzählten sie uns im Geschichtsunterricht. Und da war es ein richtiger Schock, als ich die Universität besuchte und herausfand, dass es nicht nur ein paar Schwarze gab, sondern dass vier Fünftel der Bevölkerung Schwarze sind. Während der Apartheid war ich also einer der Nutznießer dieses Systems. Ich konnte tun und lassen was ich wollte, hatte alle Möglichkeiten und wuchs auf in einer kleinen ›ersten Welt‹.«

Wer hat Sie auf Ihrem Weg beeinflusst?

»In der Kirche gab es einen Priester und ich fand es toll, wenn er aufstand und zu uns sprach. Ich beschloss, Theologie zu studieren. Also ging ich zu einem Geistlichen und sagte es ihm ganz aufgeregt. Aber er erwiderte mir: Das ist nichts für eine Frau. Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, dass ich nicht alles machen konnte. Also studierte ich Jura. Aber das war nicht, was ich wollte. Ich hörte damit auf und begann trotz allem Theologie zu studieren. Als ich damit fertig war, wurde ich Geistliche in der Kirche und war die einzige Frau in einer Gruppe von 1.200 Männern. Das war ein harter Lernprozess für mich, nämlich zu lernen, was es heißt, anders zu sein und keine Stimme zu haben, weil du anders bist.«

Rührt daher Ihr Engagement für »die anderen«?

HB»Nur teilweise. Eine weitere Erfahrung betraf meinen Bruder. Er war während der Apartheid bei der Polizei. Es war eine sehr gewalttätige Zeit, manchmal kam er mit Blut am Hemd nach Hause. Wir wohnten in der Nähe eines Townships und man warf uns Steine in die Fenster. Es war ein Wunder, dass man uns damals nicht ermordet hat. Das geschah 1994, und ich begann, mich für die Geschichte unseres Landes zu interessieren. Mir wurde bewusst, dass 79 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu öffentlichen Leistungen hatte, zur Gesundheitsversorgung, zu Medikamenten, zu Arbeit. Und dann las ich über Aids, und dass vier Millionen Menschen inunserem Land infiziert sind und dann all diese Aids-Waisen! 2005 gab es schon mehr als zwei Millionen! Ich fragte mich, was unsere Kirche eigentlich zur Lösung des Problems beiträgt. Aber die Kirche war nicht interessiert. Es war ein schwarzes Problem. Ich trat aus der Kirche aus und entschied mich, selbst etwas zu tun. Ich musste einfach etwas tun.«

Wie kam es zur Gründung Ihrer Initiative?

»Ich begann mit Leuten in der Universität und eigentlich überall über das Waisenproblem zu sprechen. Und nachdem ich viele Menschen interviewt hatte, begann ich über eine Initiative nachzudenken. Eine Nichtregierungs-organisation verwies mich an ein Projekt in einem Township, das mit HIVinfizierten Eltern arbeitete. Die sagten mir dann, dass sie so viele Waisen kennen würden, dass sie nicht wüssten, was sie mit ihnen machen sollten. Das war 1999. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Township betrat, und ich war bestürzt und fassungslos über das, was ich dort sah.«

Die Realität ist in der Tat katastrophal. Sterben die Eltern an Aids, bleiben meist mehrere hilflose Kinder zurück. Die Verwandten können sie häufig nicht aufnehmen, weil sie selbst zu arm oder gar infiziert sind. Dann muss das älteste Kind die familiäre und wirtschaftliche Verantwortung für die Geschwister übernehmen. Da das neue Familienoberhaupt weder Bildung noch Ausbildung hat

und in jeder Weise überfordert ist, sind die Chancen auf ein menschenwürdiges Leben für diese »Kinderfamilien« gleich null. Auf diese Weise wachsen in Südafrika ständig neue Generationen von Waisenkindern auf, deren Lebensumstände und Verhaltensweisen nur zu weiteren HIV-Infektionen führen – ein Teufelskreis. Das Aids-Programm der Vereinten Nationen schätzt, dass die Zahl der Aids-Waisen bis zum Jahr 2010 auf 2,3 Millionen ansteigen wird.