Gesichter hinter den Zahlen
Die Jugendlichen Nomvula, Dumisane und Gugulethu haben sich bereit erklärt, für Go Ahead! von ihren Schicksalsschlägen zu berichten.* Anhand von verbalen und schriftlichen Interviews sind die folgenden Portraits entstanden, die die Wichtigkeit von Bildung für die drei SüdafrikanerInnen im Kampf gegen Armut und HIV/Aids verdeutlichen. Beide werden derzeit von Heartbeat, Go Ahead!s Partnerorganisation in Südafrika, gefördert.
Nomvula kommt aus der Umgebung von Johannesburg und war acht Jahre alt, als ihre Mutter starb. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Jahrelang hatte ihre Mutter allein für das Überleben der kleinen Familie und gegen den HI-Virus gekämpft und am Ende doch verloren. Ein Schock, der Nomvula und ihren kleinen Bruder tief traumatisiert hat.
Zusammen mit ihrem Bruder lebt sie seitdem bei ihrer Großmutter. Diese sei an dem großen emotionalen Stress nach dem Tod ihrer Tochter und der neuen Verantwortung für ihre Enkelkinder zunächst fast zerbrochen, sagt die 19-Jährige heute. „Nicht, dass meine Großmutter mich nicht unterstützt hätte, doch sie konnte mit dem Druck nicht umgehen“.
Als sie von Heartbeat, Go Ahead!s Partner in Südafrika, erfuhr, änderte sich ihr Leben schlagartig: Sie konnte ohne Probleme zur Schule gehen, weil Heartbeat für sie die Schulgebühren übernahm, sie bekam eine Schuluniform und hatte vor allem eines wieder gewonnen: eine Zukunftsperspektive. „Wir bekamen jeden Monat Essenspakete und mussten uns keine Sorgen mehr um das Essen machen, ich konnte mich auf die Schule konzentrieren.“, erzählt sie. Nomvula hat gute Noten und wird immer weiter gefördert. Biologie und Physik sind ihre Lieblingsfächer - sie möchte Pathologin werden, erzählt sie.
Die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und die Chance, aus ihrem von Leid und Armut geprägten Leben auszubrechen, haben aus dem traumatisierten Mädchen eine starke junge Frau gemacht, die sich heute als Jugendbotschafterin nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Interessen anderer Jugendlicher in ihrer Region einsetzt.
Dumisane aus dem Township Tembisa bei Johannesburg arbeitet bei Go Ahead!s südafrikanischer Partnerorganisation Heartbeat und möchte auch in den nächsten Jahren in seiner Funktion als Betreuer des Jugendbotschafterprogramms Jugendliche zu Fürsprechern in ihren Heimatregionen ausbilden. Er befähigt sie dazu, mit Gleichaltrigen soziale Bedürfnisse zu diskutieren und zu artikulieren – vor Hilfsorganisationen, in Schulen sowie in der Gemeinde.
Durch seine zweijährige Ausbildung als Programmierer hat er sich außerdem ein zweites berufliches Standbein geschaffen und zieht für die Zukunft eine Tätigkeit als Webdesigner in Erwägung. Dumisane ist zufrieden mit Job und Arbeitgeber, er hat noch viel vor. Vor vier Jahren jedoch, so der 24-jährige, hätte alles ganz anders ausgesehen.
„Mein Vater ist bereits in meiner frühen Kindheit an den Folgen von Aids gestorben, meine Mutter hat mich und meinen jüngeren Bruder alleine großgezogen“, berichtet er. Bis er 14 war, hatte er durch die Anstrengungen der Familie die Möglichkeit, zur Schule gehen. Dann verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand seiner ebenfalls an Aids erkrankten Mutter und er kümmerte sich um sie. „Die körperliche und emotionale Kraft, die ich aufbringen musste, hat dazu geführt, dass ich manchmal tage- oder sogar wochenlang nicht in die Schule gegangen bin und den Anschluss verloren habe“, blickt Dumisane zurück. 2004 erlag seine Mutter den Folgen der Immunschwächekrankheit.
Wenige Monate nach dem Verlust wurde er auf die Organisationen Heartbeat aufmerksam, die ihm wieder Hoffnung schenkte. Damals wurden ihm zunächst tägliche Mahlzeiten, Kleider und einem Stipendium für seine Ausbildung ermöglicht. Dumisane hatte wieder ein Leben, dessen Inhalt nicht nur aus Elend und Trauer bestand. Heute kann er dank seiner Tätigkeit mit seinem Einkommen selbst einen Beitrag zum Familienhaushalt leisten, den er gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Großmutter führt.
Gugulethu’s Geschichte ähnelt einem Albtraum: Als ihre Mutter an den Folgen von Aids stirbt, ist sie 14 und lebt danach mit ihren beiden Schwestern bei ihrem Stiefvater, der schnell eine neue Frau findet. Ihre Stiefmutter behandelt sie und ihre Schwestern wie Hausmädchen und nimmt ihnen die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, erzählt sie: „Sie hat uns sehr schlecht behandelt, sie hat uns nicht als ihre eigenen Kinder gesehen und es war sehr schmerzhaft, jeden Morgen aufzuwachen und so behandelt zu werden.“
Gugulethu und ihre Schwestern leiden ein Jahr lang unter ihrer Stiefmutter, bis sie sich entschließen, zu ihrer Großmutter zu fliehen – ihre einzige Möglichkeit, denn auch ihr Vater starb an den Folgen von Aids. Das Leben bei ihrer Großmutter ist schwierig, auch sie kann die Kinder kaum ernähren. „Wir wussten, die Situation ist hart, sie hatte keine Arbeit, doch wir wussten, dass Gott uns helfen würde.“
Ihre Rettung ist Heartbeat. Der Verein mit Hauptsitz in Pretoria, Gugulethu's Heimat, ermöglicht ihr den Schulbesuch und unterstützt sie auch in materiellen Schulangelegenheiten. Für Gugulethu ein Wendepunkt in ihrem Leben: „Natürlich hat sich vieles verändert. Es hat sich so vieles verändert, das war unglaublich. Sie haben mir gezeigt, dass es eine Chance auf eine bessere Zukunft gibt, obwohl du beide Eltern verloren und kein Geld für die Schule hast.“ Gugulethu hätte nie gedacht, dass sie zur Schule gehen und eine gute Ausbildung genießen dürfe, sagt sie heute. Sie ist froh, eine Schuluniform, Schuhe und täglich eine Mahlzeit zu erhalten. Viele andere Aidswaisen haben wie sie die Möglichkeit bekommen, zur Schule zu gehen.
Einige Mädchen brechen sie jedoch viel zu schnell wieder ab, findet Gugulethu: „Jeden Tag, wenn ich zur Schule gehe, sehe ich ein Mädchen in Schuluniform, das schwanger ist. Die Zeit ist nicht reif dafür. Zu dem Zeitpunkt bekommt ein Kind ein Baby. Was soll es ihm zu essen geben? Welches Essen soll das Baby essen? Das wird zu Armut führen. Die schwangeren Mädchen denken, sie dürften nicht mehr zur Schule gehen, also gehen sie nicht mehr.“ Gugulethu möchte deshalb schon bald andere Jugendliche über Verhütungsmethoden unterrichten. Wenn sie etwas tun könnte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, würde sie dafür sorgen, dass jedes Kind im südlichen Afrika zur Schule geht: „Jedes Kind sollte die Chance bekommen, jeden Morgen aufzuwachen und zur Schule gehen zu dürfen, obwohl es die Situation eigentlich nicht erlaubt.“ Ihr großes Ziel ist es, einen guten Schulabschluss zu machen, um Jura zu studieren und in der Politik zu arbeiten.
* Die Namen "Nomvula", "Dumisane" und "Gugulethu" entsprechen aus rechtlichen Gründen nicht den wirklichen Namen der Jugendlichen






